Die „Dicke Bertha“

20 Aug

Als „Dicke Bertha“ bezeichnete man Anfang des 20. Jahrhunderts einen 42 cm-Mörser aus dem Hause Krupp.

Das vermutlich nach Krupps Tochter Bertha benannte Geschütz konnte Granaten mit einem Gewicht bis zu 1,2 Tonnen über eine Distanz von bis zu 14 Kilometern verschießen. Die Durchschlagskraft der Geschosse und das monströse Erscheinungsbild der Kanone waren beeindruckend und nicht ohne psychologische Wirkung.

Wenn die „Dicke Bertha“ aber seit Sommer vergangenen Jahres bisweilen als Sinnbild für unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen der Interventionspolitik der Europäischen Zentralbank herhalten muss, sei den Liebhabern der Metapher erklärt, dass die „Dicke Bertha“ angesichts ihrer eingeschränkten Beweglichkeit und der Entwicklung von Stahlbeton im Festungsbau ihren strategischen Nutzen so schuldig blieb, dass nur 25 Geschütze gefertigt wurden und die Kanone hinsichtlich des Ausgangs des I. Weltkriegs völlig bedeutungslos blieb.

Mario Draghi und die EZB mobilisierten inzwischen ein ganzes Waffenarsenal, von „großkalibrig“ bis „unkonventionell“. Manche entfalten Wirkung aufgrund ihrer Durchschlagskraft, andere aufgrund ihrer Reichweite. Wieder andere wurden zwar in Stellung gebracht, auf ihren tatsächlichen Einsatz hofft man allerdings, verzichten zu können. Sie sollen allein dadurch wirken, dass man um ihre Existenz weiß.

Im Kontext könnte man auch gleich noch den Begriff des „Kollateralschadens“ nachschlagen: Dieser bezeichnet billigend in Kauf genommene Schäden in räumlicher Nähe eines Zieles infolge ungenauer oder überdimensionierter Waffeneinsätze.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die EZB mit dem Einsatz ihrer „Dicken Bertha“ infolge der mit der Niedrigzinspolitik verbundenen kalten Enteignung in den Spareinlagen und Altersversorgungen der Bürger heute schon mehr Wirkungstreffer gelandet hat, als die Namensgeberin in der ganzen Zeit ihres aktiven Dienstes.

Wer diesen Umstand im Rahmen seiner Vermögensbildung und -verwaltung weiterhin negiert, verschließt die Augen leider vor der Realität.