Warum Top-Ten-Rankings den Anlegerblick vernebeln

15 Apr

„Die zehn“ halten Einzug in die online-basierte deutsche Fondsberichterstattung. Leider, wie ich finde. Und mit ihnen eine gewisse Form der Informationsinflationierung und Trivialisierung, die Aufnahmekapazität und Zeit der investment-affinen Leser bindet, um nicht zu sagen kostet.

Ach, sie kennen „die zehn…“ nicht? „Die zehn spektakulärsten Personalwechsel seit Jahresbeginn“, „die zehn Verkaufsschlager der…“, „zehn Charts des Schreckens“, „die zehn besten Pools“, „die zehn besten Fonds im Chart“, „zehn Gründe warum deutsche Anleihen so schlecht laufen“, „zehn Fakten, die sie noch nicht über Gold wussten“, etc..

Längst haben sich „die zehn…“ über die Unterhaltungsindustrie hinaus etabliert, wo sie uns auf Internetseiten wie „diezehn.de“ und im Fernsehen „die besten Comedians“, „die spannendsten Momente“, „die größten Ohrwürmer“, „die beliebtesten Reiseziele“ und vieles mehr präsentieren. Meist im Rahmen bewegter Bilder bei der Aufzählung noch unterstützt durch einen A-, B- oder C-Promi, der ins Bild integriert von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit dem aktuellen Aufzählungspunkt berichtet.

Droht uns das zukünftig auch noch, ein Vermögensverwalter, IFA oder Vertreter einer Investmentgesellschaft, der von musikalischem Gedudel begleitet davon berichtet, was er empfand, als er den entsprechenden Chart das erste mal sah oder die Meldung vernahm? Bitte nicht!

Was macht „die zehn…“ so unterhaltsam und interessant? Auf der Suche nach Antworten hilft neben der grundsätzlichen Beschäftigung mit dem Phänomen auch die Fallunterscheidung zwischen Verbrauchern und Produzenten, mithin Lesern und Redaktionen weiter.

Die Zahl zehn, der Dekalog, übt quasi seit jeher eine Faszination auf die Menschen aus. Die zehn Gebote, die Dezimalrechnung und vieles mehr zeugen davon. Fast noch stärker wirkt in der Verbindung mit „die zehn…“ aber der im Kontext zumeist angeführte Superlativ: „…die besten“, „die größten“, „die spektakulärsten“, usw. Sie wecken die Neugier. Schluckt der Leser den Köder, beginnt er sich zu fragen, welche zehn Punkte wohl genannt werden und in welche Reihenfolge er sie selbst in (Un-)Kenntnis der Materie gebracht hätte. Der Konsum der „zehn“ kommt in seinen Augen also der Auflösung eines Rätsels gleich und bedient damit den Spieltrieb.

Will man über den Punkt der pädagogischen Auflockerung hinaus Verständnis für die Redaktionen entwickeln, sollte man sich fragen, warum „die zehn“ im Regelfall im Internet nicht einfach auf einer Seite stehen oder in einer Statistik dargestellt werden, wo man sie rasch überfliegen könnte. Statt dessen sind sie zumeist als Strecke gehalten, deren Bestandteile einzeln angesteuert werden müssen. Es geht um „Klickzahlen“, die gesteigert werden sollen. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sind die Größenordnungen, an denen sich die Preise für Banner und Anzeigen bemessen. Und die Konsumenten „der zehn“ zahlen in dieser Währung.

Und was erhalten sie dafür? Informationen. Und zwar häufig mehr als ihnen lieb sind. Schließlich sind viele schon alt, nicht selten beim gleichen Anbieter schon früher oder sogar mehrfach aufgearbeitet. Obendrein werden sprichwörtliche Mücken bisweilen zu Elefanten aufgeblasen, um auf die Zahl zehn zu kommen und nicht selten durch die Reihenfolge Irritationen in der Relation einzelner Ereignisse oder Größenordnungen ausgelöst.

Für mich ganz persönlich sind „die zehn“ Ausdruck tendenzieller Fehlentwicklungen zur Oberflächlichkeit in der Medienlandschaft, die über die Fondsindustrie weit hinausgehen. Daher plädiere ich dafür, „die zehn“ an der einen oder anderen Stelle durch Grafiken zu ersetzen, womöglich auf „die fünf“ zu reduzieren und insgesamt selektiver zu verwenden. Dann haben wir auch mehr Freude an den verbliebenen „zehn“.

Dieser Artikel erschien am 14.04.2015 auf www.boerse-online.de
Direktlink zum Artikel: Die zehn

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit „Return: Der Investmentkommentar“ Ereignisse aus der Fondswelt.