„Graf Zahl“ tritt ab

22 Apr

Wie jetzt bekannt wurde, übergibt Frank Lingohr, einer der erfolgreichsten Vermögensverwalter und Fondsmanager Deutschlands, im Sommer das Staffelholz an Volker Engelbert – und setzt sich zur Ruhe.

Mit Lingohr verlässt einer der „Granden“ die Bühne. Der 70-jährige startete seine Karriere nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei Prudential Bache Securities und gründete 1993 sein eigenes Unternehmen „Lingohr & Partner Asset Management“, das für private und institutionelle Investoren heute weltweit mehr als 5 Milliarden Euro verwaltet. Als Unternehmer zeichnet Lingohr neben seinen beruflichen Erfolgen insbesondere die in ihrem Zusammenhang immer wieder an den Tag gelegte Bodenhaftung und Bescheidenheit aus.

Sie kommt unter anderem auch in Lingohrs Demut gegenüber den Kapitalmärkten zum Ausdruck, die ihm den Weg zu seinem Investmentansatz wies und ihn häufig und gerne Isaac Newton zitieren lässt: „Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunde berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann“.

Dieser und anderen Erkenntnissen verpflichtet konzentrierte sich Lingohr auf eine Assetklasse (Aktien) und eine Strategie und schuf den systematischen prognosefreien Investmentprozess „CHICCO“ (Cash in and Cash out). Auf Basis reinen „number-crunching“ durchsucht das Computersystem Anlageuniversen unter Berücksichtigung von Sicherheitsmargen nach unterbewerteten Titeln (value), die gleichgewichtet in unterschiedlichen Portfolien zum Einsatz kommen. Das bekannteste Produkt, ist wahrscheinlich der 1996 aufgelegte und heute 1,2 Mrd. Euro schwere Lingohr Systematic LBB-Invest.

Lingohr scheidet aus dem operativen Geschäft aus, bleibt dem Unternehmen indes als Berater verbunden. Er übergibt ein sprichwörtlich gut bestelltes Haus, das in hohem Maße Leistungskontinuität erwarten lässt. Hier zahlt es sich aus, ein quantitatives Managementsystem geschaffen zu haben, dass vom Faktor Mensch, seinen Fähigkeiten und Emotionen weitestgehend unabhängig bleibt. Zudem erweist es sich als vorausschauend, frühzeitig Aufgaben delegiert und andere Manager in das Unternehmen eingebunden zu haben. So kann nun eine eingespielte Geschäftsführung nahtlos ihre Alltags-Arbeit in ihrem und Lingohrs Sinne fortführen.

Bemerkenswert erscheint schließlich auch die Bereitschaft Lingohrs, zu einem guten, wahrscheinlich dem richtigen Moment, loszulassen; – in einer fortgeschrittenen Hausse an den Kapitalmärkten und einer Wachstumsphase des Unternehmens mit neuen Standbeinen in den USA und Dubai. Ist das Timing schon eine Sache für sich, ist es insbesondere die Fähigkeit, die Kontrolle über das Lebenswerk zu gegebener Zeit abzugeben, die Lingohr auszeichnet und vielen seiner Kollegen fehlt. Von daher hat der Wachwechsel bei Lingohr & Partner durchaus auch eine gewisse Vorbildfunktion in der Branche, auf die der eine oder andere Wettbewerber fortgeschrittenen Alters besser einmal einen Blick werfen sollte.

Dieser Artikel erschien am 21.04.2015 auf www.boerse-online.de
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Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit „Return: Der Investmentkommentar“ Ereignisse aus der Fondswelt.

Bildquelle: Unternehmenswebseite http://www.lingohr.de