Achillesferse der Fondsindustrie

13 Mai

Die rechte Ferse des Achilles war in der griechischen Mythologie die einzige Stelle, an der er verwundbar war. An ihr hatte ihn seine Mutter – die Göttin Thetis – festgehalten, als sie ihn in den Fluss Styx hielt, um ihn unverwundbar zu machen. Die Achillesferse der Fondsindustrie, mithin ihre verwundbarste Stelle im System, dürfte in diesen Tagen ihre (vermeintlich) defensive Produktpalette sein.

Zwar jagt die Fondsbranche gemessen an den Absatzzahlen des BVI von einem Erfolg zum nächsten und strotzt vor Kraft (sie verwaltet über ihre Publikums- und Spezialfonds hinweg mittlerweile schon mehr als 2,5 Billionen Euro). Wie die Mittelaufkommen aber ebenfalls belegen, konzentrieren sich die Zuflüsse zunehmend stärker auf Mischfonds. Während das Pendel mal für und mal gegen Aktienfonds ausschlägt, sind vor allem konservative Renten-, Kurzläufer- und Geldmarktfonds weniger gefragt; – müssen zwischenzeitlich sogar Mittelabflüsse hinnehmen. Und auch die krisengeschüttelten Immobilienfonds haben alle Hände voll damit zu tun, neue Spielregeln zu implementieren und sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) von alten Absatzrekorden weit entfernt.

Dieses Bild kann im vorherrschenden Niedrigzinsumfeld nicht überraschen und gibt doch zu denken. Schließlich sind es eben diese Produkte, inklusive der defensiven vermögensverwaltenden Mischfonds, die klassischen Sparern und Festgeldanlegern traditionell als Brücke zur Fondsanlage dienen. Fallen die Ertragsperspektiven entsprechender Produkte gegen oder unter Null und steigt ihr Kursschwankungspotenzial ungewohnt stark an, bekommt der „Eingangs- und Rückzugsbereich“ der Branche ein Problem. Geldmarkt- und Kurzläuferfonds liegen bereits unter Wasser. Rentenfonds, die sich auf Emittenten guter Bonität konzentrieren, stehen in der Nachkostenbetrachtung perspektivisch kurz davor. Und auch die defensiven vermögensverwaltenden Fondslösungen müssen sich neue Risikoabsorber und Renditequellen abseits der Aktienmärkte suchen. Aufklärungsarbeit, Anpassungen der Gebührenstrukturen und ein vorausschauendes Management der Erwartungshaltung versprechen den besten Schutz der erkannten Schwachstelle.

Dieser Artikel erschien am 12.05.2015 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit „Return: Der Investmentkommentar“ Ereignisse aus der Fondswelt.