Forecast oder Spökenkiekerei?

9 Dez

11.000, 11.200, 11.700, 12.100 – „12.100, zum ersten, zum zweiten und zum dritten“! Man ist förmlich an Versteigerungen erinnert, wenn dieser Tage wieder turnusmäßig im Dezember die DAX-Ziele großer und bekannter Asset Manager für das kommende Jahr ermittelt und herumgereicht werden.

Dabei zeigt sich einmal mehr, wie dicht die Schätzungen beieinander liegen (nicht zu verwechseln mit „Schwarmintelligenz“) und wie linear die Prognosen verlaufen, mithin wie stark vor allem aus der jüngeren Vergangenheit auf die Zukunft geschlossen wird. Die Effekte lassen sich beim erwarteten Wirtschaftswachstum, das im kommenden Jahr mehr oder weniger deutlich um 3% herum erwartet wird, ebenso beobachten wie bei der Identifizierung der Themen, die für uns als Börsianer von Bedeutung sein werden: Sorgen um die chinesische Konjunktur, Notenbankpolitik, geopolitische Risiken und die europäische Flüchtlingsproblematik.

Die Aussagekraft derartiger Vorhersagen aus Verbrauchersicht muss aber auch noch aus anderen Gründen kritisch hinterfragt werden. So soll man sich bekanntlich vor „Konsensmeinungen“ hüten und sind die beschriebenen Bandbreiten möglicher Entwicklungen bisweilen tatsächlich so weit gefasst, dass die „Nichttrivialität“, die wissenschaftlich abgeleiteten Vorhersagen innewohnen sollte, kritisch hinterfragt werden muss.

Als abschließendes Zitat bietet sich an dieser Stelle eine Antwort des dänischen Physikers Niels Bohr, der die Kernspaltung maßgeblich mit erforschte, auf die Frage nach der Zukunft der Quantenphysik an: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“. Warten wir ab, was uns das kommende Jahr bringt. Es wäre nicht das erste mal, dass es zu erheblichen Abweichungen der Realität von der „Spökenkiekerei“ (mittelalterliche unheimliche Vorhersagen) käme.
Dieser Artikel erschien am 08.12.2015 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit „Return: Der Investmentkommentar“ Ereignisse aus der Fondswelt.