Digitalisierung nicht unterschätzen

22 Dez

Einen ganzen Tag lang haben wir im Rahmen unseres Seminars „Digital Finance“ vor einigen Wochen mit Fachleuten über den Einfluss der Digitalisierung auf die Zukunft der Finanzindustrie diskutiert.

Sollte ich mich im Fazit auf eine einzige These beschränken, würde sie wie folgt lauten: die größte Gefahr mit Blick auf die Zukunft der Finanzindustrie besteht aus Sicht der Marktteilnehmer wahrscheinlich darin, den Einfluss der Digitalisierung zu unterschätzen.

Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: mit Blick auf ihre räumliche Ausdehnung (Wirkungstiefe) und auch ihre zeitliche Dimension betreffend (wie schnell passiert es). Dabei kann man nicht einmal sagen, was fahrlässiger ist und schwerer wiegt: zu glauben, dass wir es hier nur mit einer neuen Form der Direktanlage zu tun haben, deren potenzielle Marktanteile auf mehr oder weniger 10% begrenzt sind oder die Basiseffekte zu verkennen, mithin den Konsequenzen der Digitalisierung immer noch eine Inkubationszeit von mehr als einer Dekade zuzusprechen.

Nur so viel: spätestens 2030 wird nach Einschätzung von Experten die künstliche Intelligenz in Form billiger Technologien in der Lage sein, dem menschlichen Gehirn in allen Aufgabenstellungen den Rang abzulaufen. Sprachgesteuerte Algorithmen könnten schon viel früher zu einer selbstverständlichen automatisierten Finanzdienstleistung führen. Warum sollten Menschen, die durchschnittlich 4,5 Stunden täglich mit ihrem Smartphone verbringen und immer öfter bereit sind, auch ihre Beziehungen und Ehepartner online auszusuchen, sich ausgerechnet bei der Kapitalanlage virtuellen Lösungen versagen? Mir erschließt sich diese Überlegung des „was nicht sein darf, das nicht sein kann“ nicht.